In einem Dorf trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister: „Ist`s noch Euer Ernst, Schulmeister, was Ihr gestern den Kindern gesagt habt: So dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar?“ Der Schulmeister sagt: „So steht es im Evangelium.“ Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und die andere auch, denn er hatte schon lang einen Verdruss auf ihn.
Indem reitet in einiger Entfernung ein Edelmann vorbei und sein Jäger. „Schau doch mal, Joseph, was die zwei dort miteinander haben.“ Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister dem Bauern auch zwei Ohrfeigen und sagt: „Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.“ Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: „Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“
(In: Johann Peter Hebel: Ausgewählte Werke, Essen o.J.)
2010-03-16
J. P. Hebel: Gutes Wort, böse Tat
2008-12-26
Die Frohe Botschaft, wie sie angekommen ist
In jener Gegend saßen Intellektuelle in ihrer Bibliothek und hielten ein nächtliches Kolloquium.
Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie waren sehr befremdet;
der Engel aber sagte zu ihnen: Seid nicht befremdet, denn ich verkünde euch eine tiefe Einsicht, die dem ganzen Volk zuteil werden soll.
(Anti-Lukas 2)
In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Unmündigen verborgen, den Weisen und Klugen aber offenbart hast.
(Anti-Matthäus 11)
2008-12-05
Gotteskindschaft
Am Anfang seines öffentlichen Auftretens kam (nach Lukas 3) der Heilige Geist auf den Menschen Jesus herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach:
"Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden."
Die "Gottessohnschaft" ist ein uraltes Mythem des alten Ägypten und des ganzen alten Orients; es kleidet den Glauben an die Autorisierung bestimmter Menschen als Vermittler zum Göttlichen in ein poetisches Bild.
Ein Bild drückt eine Wahrheit aus, ist aber nicht die Wahrheit selbst.
Das sprachliche Bild statt seinen tiefen Sinn für die Wahrheit zu nehmen, halte ich in literarischer und religiöser Hinsicht für infantil.
Am Ende seines öffentlichen Auftretens schrie der Mensch Jesus am Kreuz um die neunte Stunde:
"Eli, Eli, lema sabachtani? (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?)"
Dann rief er laut: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" und verschied.
Das ist für mich das heiligste Ereignis des ganzen Evangeliums. Jesus, ganz Mensch, fühlt sich gottverlassen und ist doch ganz bei Gott - eine existenzielle Grunderfahrung, in der die furchtbare Verlassenheit durch das Vertrauen auf die göttliche Väterlichkeit aufgehoben wird.
Ich glaube, dass Jesus Gott so nahe war und ist wie kein anderer Mensch. Ich glaube, dass Jesus mein Bruder ist. Ich glaube, dass auch ich Kind seines Vaters bin. Ich glaube, dass dies die Botschaft Jesu war, ist und bleibt.
Mit der Hellenisierung der jesuanischen Botschaft, wie sie an entscheidenden Stellen im Johannes-Evangelium vorgenommen ist, kann ich wenig anfangen (obwohl ich die hellenische Philosophie außerordentlich schätze). Jesu Selbstverständnis war kaum vom Geist griechisch-philosophischen Denkens beeinflusst oder gar geprägt. Keine Philosophie und keine Theologie kann Jesu Botschaft verbessern oder ersetzen. Das Evangelium ist so, wie es ist, an die Schlichten gerichtet und an die, die sich aufgegeben haben oder aufgegeben worden sind, nicht aber an die religiöse Führungsschicht und nicht an die geistige Elite und nicht an die sozial Etablierten. Existenziell ausgedrückt: Es ist so, wie es ist, an das Schlichte in uns und unsere Heilungsbedürftigkeit gerichtet, nicht aber an unseren Intellekt und unseren Sozialnarzissmus. Wohl gilt es auch für die geistige Elite; - aber die muss offenbar erst die griechische Philosophie und ihre Abkömmlinge einschalten, um Jesu Wort einen schönen Platz im Tempel ihres Gedankensystems einzuräumen; nur - was ist damit gewonnen? Keine Vertiefung. Keine Vertiefung der ergreifenden und mitreißenden Kraft, mit der Jesus in Wort, Leben, Sterben und Auferstehen auch und gerade bei einfachen Menschen bewirkte und bewirkt, dass sie ihr Leben gänzlich neu begannen und beginnen. Mit einer systematisierenden Glaubenstheorie - ohne Zweifel eine Wandelhalle für interessante Spiele mit Gedanken! - ist für das Leben im Glauben nichts gewonnen. Eine Spielhalle kann übrigens auch eine Spielhölle und, schlimmer, die Stätte einer götzendienerischen Spiegelfechterei sein...
